Mit Greifzangen und gelben Westen

  • Theresa Demski
  • Markus Feger

Müll trennen, Spielsachen reparieren und kreativ werden: Die evangelische Kindertagesstätte Wichtelland in Velbert ist jüngst mit dem Zertifikat „Nachhaltige Kita“ des Wissenschaftsladens Bonn ausgezeichnet worden. Das Thema ist längst mitten im Alltag der Kinder angekommen. Ein Besuch.

Wiebke greift nach einer alten Zeitung. „Die kommt nicht weg, die brauchen wir noch“, stellt die Sechsjährige entschieden fest. Schließlich möchte sie einen Sonnenhut basteln. Dafür hat Kita-Leiterin Melanie Lopez schon die Heißklebepistole und das Krepppapier bereit gelegt. „Upcycling heißt das bei uns Erwachsenen“, sagt sie und lacht. Für die Kinder in der evangelischen Kita Wichtelland in Velbert heißt das einfach Basteln. Aber auch schon die Jüngsten hier wissen: Um kreativ zu werden, reicht manchmal ein Blick in die Papiertonne. „Wir bitten die Eltern, uns bei diesen Projekten zu unterstützen“, erzählt Melanie Lopez. Dann werden in der Kita alte Eierkartons, Klopapierrollen oder eben Zeitungen gesammelt. „Daraus machen wir Kunst“, erklärt Wiebke und nimmt die Besucher mit auf einen kleinen Rundgang durch die Einrichtung in Velbert. „Hier sind unsere Raupen aus Eierkartons“, sagt die Sechsjährige und deutet auf Kulturleisten an der Wand. „Und das sind Schmetterlinge aus Klopapierrollen“, erklärt sie ein Stück weiter. Die Upcycling-Kunst gehört zu dem buntesten Kapitel der Geschichte rund um das Thema Nachhaltigkeit, das sich die Kita auf die Fahnen geschrieben hat.

Gesundheit, Bewegung und Ökologie im Fokus

Seit Juni hängt an der Tür der Einrichtung eine rechteckige gläserne Tafel, die auf die Auszeichnung als „Nachhaltige Kita“ hinweist. Der Wissenschaftsladen (WILA) Bonn hat inzwischen rund 350 Kindertageseinrichtungen in Deutschland – 16 in NRW – dieses Zertifikat verliehen und bemüht sich um weitere Einrichtungen, die mitmachen wollen. „Wir haben vor zwei Jahren über die konzeptionelle Ausrichtung unserer Kita beraten“, erzählt Melanie Lopez. Und dabei sei die Entscheidung auf die beiden Themenbereiche „Gesundheit und Bewegung“ und „Ökologie“ gefallen. Sie habe sich dann auf die Suche nach inhaltlicher Unterstützung gemacht und sei auf den Verein WILA  Bonn getroffen: „Wir wurden mit umfassendem Material und vielen Ideen für unseren Alltag versorgt“, schwärmt sie von dem Projekt. Es gab Workshops, an denen die Kita-Leiterin teilgenommen hat, um das Wissen anschließend an Erzieherinnen und Erzieher weitergeben zu können. Das Team konnte dann direkt mit der Umsetzung beginnen und Nachhaltigkeitsthemen im Alltag in der Kita integrieren.

Aus alten Eierkartons, Klopapierrollen oder Zeitungen bastelt das Team um Kita-Leiterin Melanie Lopez allerlei Kreatives.

Auf dem Bauernhof lernen die Kinder Tiere, Obst und Gemüse kennen

Heute stehen in jedem Raum mehrere Mülleimer mit Bildern, die den Kindern beim Thema Mülltrennung helfen. Auf den Esstischen steht ein kleines schwarzes Eimerchen für den Biomüll. Regelmäßig machen sich die Kinder mit gelben Westen und Greifzangen auf den Weg, um Müll rund um die Einrichtung zu sammeln. Im Flur ist ein großes Tauschregal entstanden: Hier können Eltern und Kinder Kleidung, Dinge des Alltags und Spielzeug einlegen, das nicht mehr gebraucht wird, aber womöglich anderen noch eine Freude machen kann. Defektes Spielzeug reparieren die Erzieherinnen und Erzieher gemeinsam mit den Kindern. Im Garten entsteht gerade ein Insektenhotel. Für das Händewaschen gibt es inzwischen Merksätze, um weder Wasser noch Seife oder Handtücher zu verschwenden. Und dank der finanziellen Unterstützung der Eltern unternehmen Kinder und Erzieherinnen sowie Erzieher regelmäßig Ausflüge zum Bauernhof Gut Hixholz – um hier mit den Tieren auf Tuchfühlung zu gehen und gleichzeitig zu entdecken, woher Gemüse und Obst kommen.

 „Warum werfen Leute das einfach auf die Straße?“

„Wir haben einige Programmpunkte fest im Jahresablauf installiert“, erklärt die Kita-Leiterin. Es gibt zwei Themenwochen zu einem Nachhaltigkeitsschwerpunkt im Jahr. Dann sind alle Kinder mit im Einsatz. Reparatur-Café und Müllsammeln finden bisher jeweils einmal im Monat statt. „Andere Dinge sind jeden Tag ganz präsent“, erklärt Melanie Lopez und ist selbst erstaunt über die Wirkung: „Manchmal sind es nur ganz kleine Aktionen, die bei den Kindern und auch bei uns für große Gedankenanstöße sorgen“, erzählt sie.  Spielerisch und experimentierfreudig würden sich die Kinder dem Thema nähern – und doch große Einsichten mitnehmen. Dann treffen sie beim Müllsammeln am Wegesrand auf Glasflaschen und Chipstüten. Erst überglücklich über den großen Fund und dann ziemlich empört. „Warum werfen Leute das einfach auf die Straße?“, fragt Elena (5) an diesem Morgen beim Sammeln. Und Melanie Lopez kann ihr nur zustimmen. „Wir hoffen natürlich, dass diese Einsichten bleiben, wenn sie älter sind“, sagt die Kita-Leiterin. Ganz bewusst würden die Eltern mit ins Boot geholt, um das Thema auch Nachhause zu tragen.

Mülleimer mit Bildern darauf helfen den Kindern, den Müll richtig zu trennen.

Die Bewahrung der Schöpfung fest im Blick

Die bunten Projekte und Aktionen hat Melanie Lopez in diesem Jahr dokumentiert und das Material zum Wissenschaftsladen nach Bonn geschickt. Dort belohnte man den Einsatz mit dem  Zertifikat. „Es ist nun unserer Verantwortung, diese Auszeichnung weiter mit Leben zu füllen“, sagt Melanie Lopez. Und sie weiß: „Dazu gehört auch eine Haltung“. Die entdecke sie nicht nur in ihrem Team, sondern auch bei den Kindern. „Wir wissen, dass wir Ressourcen schonen müssen“, sagt sie. Und als evangelische Einrichtung sei es ihnen auch wichtig, die Schöpfung immer mal wieder in den Mittelpunkt der Arbeit zu rücken. „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, Gottes Welt zu schützen“, sagt sie. Und Wiebke und Elena nicken begeistert.

Info: Auszeichnung „Nachhaltige Kita“ 

Der Verein „Wissenschaftsladen Bonn“ (WILA Bonn) zeichnet Kindertagesstätten und Kindertagespflegestellen mit dem Sigel „Nachhaltige Kita“ aus – wenn „die Kinder im Alltag ganz selbstverständlich an Umwelt- und Klimaschutz sowie soziale Nachhaltigkeitsthemen herangeführt werden“. Das Ziel: Bildung für nachhaltige Entwicklung schon in der Elementarpädagogik verankern – gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Regelmäßig finden für interessierte Einrichtungen Workshops statt – die nächste Runde startet im September 2024. Weitere Infos gibt es bei WILA Bonn.